Zuhause im Wandel - Tai Chi ist Lebenskunst
Die Künste waren schon als Kind mein Element: Ich hatte über 10 Jahre Tanzunterricht, lernte die (klassische) Gitarre. Vor dem Abitur erwachte verstärkt das Interesse an der bildenden Kunst und ich widmete mich viele Jahre dem Zeichnen, dem grafischen und plastischen Gestalten, nahm noch als Studentin Privatunterricht bei Künstler/innen, überlegte Kunstlehrerin zu werden.
Da mein Vater Musiker, meine Mutter aber Ärztin war, war die Heilkunst ebenfalls ein vertrautes Thema und bald interessierte ich mich - auch aufgrund eigener Erkrankungen - neben dem Blickwinkel, den die Schulmedizin bot, für alternative Heilmethoden. Hier weckte alles mein Interesse, was den Patienten nicht in die passive Rolle eines Leidenden und vom Arzt Abhängigen presst, sondern was Zusammenhänge zwischen geistigen, seelischen und körperlichen Prozessen erklärt und zur Heilung verwendet (wie z.B. die anthroposophische Medizin oder die Homöopathie, die ich zuerst kennen lernte).
Ich machte erste Erfahrungen mit Meditation. Und ich begann zu erkennen, dass ich selbst die Verantwortung dafür übernehmen musste, durch die Art, wie ich lebte, meine Erkrankungen zu überwinden.
Was hat dies alles mit Tai Chi / Qigong zu tun? Das sollte sich zeigen...
Mit der Bewerbungsmappe als Kunsterzieherin unter dem Arm begann ich zunächst ein Studium der Philosophie, Germanistik, Literaturwissenschaft und Pädagogik in Kiel - und blieb dort hängen. Denn schon hatte ich eine weitere Kunstform entdeckt, eine die so viele in sich vereinigt: Bilder, Töne, Bewegungen, Sprache, Musik - das Theater! Ich spielte, assistierte, beleuchtete in verschiedenen studentischen Theatergruppen, gründete schließlich eine eigene Gruppe und entdeckte mein Feld: Regie und Dramaturgie.
Und während ich meinen Lebensunterhalt als Schwesternhelferin im Krankenhaus verdiente (und dabei noch einmal intensiv die Vor- und Nachteile unseres Gesundheitssystems studieren konnte), verabschiedete ich mich von der bis dahin gepflegten Tanzkunst und entdeckte die Kampfkunst: Ich lernte bei Hans-Ferdinand Hunkel, einem direkten Schüler von Kwon Jae Wa, das traditionelle Tae Kwon Do.
Doch die Liebe zum Theater wurde zu einem Berufstraum und schließlich zu einer Berufschance. Und so verließ ich die Uni und arbeitete als Regie-, als Musik- und Dramaturgieassistentin und zuletzt als Regisseurin und Dramaturgin.
Aber mit Lebens-Kunst in einem lebens-fördernden und lebens-feiernden Sinn scheint mir die Theaterkunst heutzutage und hierzulande leider nicht viel gemein zu haben. Was auf der Bühne gerne als Botschaft (Schillers Moralische Anstalt?!) postuliert wird und was hinter den Kulissen stattfindet, unterscheidet sich häufig gravierend - es sei denn es geht um 'Allzumenschliches' wie Eitelkeit, Machthunger, Intrigantentum, Gier nach Anerkennung. Wäre der schöpferische Prozess selbst nicht zutiefst beglückend und 'ganzheitlich', so wären wohl die meisten Kunstproduktionsstätten in unserer Gesellschaft ziemlich traurige Orte...
Das ist nicht erstaunlich: denn schon immer waren die Künste auch Spiegel herrschender gesellschaftlicher Verhältnisse. Und das gilt nicht nur für die Kunstwerke sondern durchaus auch für die Kunstszene und die Künstler selbst. Oder, wie der Schriftsteller Martin Walser einmal so schön sagte: Schauspieler sind einfach nur besonders typische Menschen...
Ich jedenfalls spürte damals zunehmend auch mein eigenes Defizit an ausreichender 'Erdung', um zwischen den künstlerischen Höhenflügen und menschlichen Abgründen unbeschadet zu bleiben, sah an mir und an so vielen Kollegen nicht nur die Neigung zur Selbstausbeutung sondern auch zur Selbstzerstörung.
Ein Nervenzusammenbruch hat mich belehrt. Ich spürte, dass es wieder Körperarbeit, Bewegungskunst sein musste, die nicht in erster Linie nach außen, auf Wirkung, gerichtet ist, um ein Gleichgewicht in mir herzustellen und ich entdeckte Tai Chi Chuan und Qigong.
Als ich 1990 an der Tao Academy in Wilhelmshaven neben diesem sehr fordernden Theaterberuf mit Tai Chi begann, stellte sich bald das Gefühl ein, ich sei bei etwas ganz Wesentlichem 'angekommen'. Dafür gilt mein Dank meinem damaligen Lehrer Andrew Dabioch. Seither bin ich zunehmend 'Zuhause im Wandel'.
Dieser Wandel hat mich aus der Sphäre des Theaters langsam (und für lange Zeit) herausgelöst - die Lebenskünste wurden mein Lebensinhalt. Heute freue ich mich allerdings, diese Sphären wieder in Kontakt zu bringen - zu sehen, wie innere und äußere Kunstformen sich befruchten können, wie z.B. in meiner Arbeit mit der Shakespeare Company Berlin.
Tai Chi und Qigong Lehrerin als Beruf habe ich mir also gar nicht ausgesucht, der Beruf ist zu mir gekommen. Es begann damit, dass mein Lehrer mir die Chance des 'Lernen durch Lehren' gab und mich zum Unterrichten aufforderte.
Diese Wandlung und Entwicklung in meinem Leben ist nur eines von vielen Beispielen für das, was die Chinesen Wu Wei, Handeln durch Nichthandeln, nennen - einer der vielen spannenden philosophischen Aspekte dieser Lebenskünste.
Die persönliche Erfahrung, wie stark Tai Chi Chuan und Qigong bei der eigenen Klärung, Gesundung und persönlichen Entwicklung helfen können, hat mich bestärkt, dass es eine wunderbare Aufgabe ist, anderen Menschen den Zugang zu diesen Bewegungskünsten zu ermöglichen, damit auch sie gestaltende Künstler ihres Lebens werden können, statt am Leben passiv Leidende zu sein.
Es schien mir damals und scheint mir heute noch so, dass ich dieses Geschenk bekommen habe, um es weiterzugeben...
Ich begann 1992 zu unterrichten und habe seither sehr viele Menschen ein Stück ihres Weges begleiten dürfen. Voll Dankbarkeit schaue ich täglich auf das, was ich durch die Begegnung mit Ihnen lernen konnte und kann.
Viel durfte ich auch durch die Begegnung mit Kollegen im wechselseitigen Austausch lernen, auf Treffen des Netzwerkes Taijiquan und Qigong Deutschlands, dessen Vorsitzende ich eine Weile war.
Andere und weitere Lehrer begegneten mir auf meinem Weg, aber hervorheben möchte ich Linda Chase Broda (UK), die mit Ihrer großen Herzensenergie und Ihrem Ansatz 'Taiji for people with special needs' mir wichtige Anregungen für meine Arbeit gegeben hat, Meister Tjang Lian, den Daoistischen Mönch aus den Wudang Bergen und schließlich zwei Lehrer, die seit vielen Jahren mein weiteres Lernen entscheidend prägen: Patrick Kelly (Neuseeland), dem ich den Zugang zu einer tieferen und auch spirituellen Dimension des Tai Chi verdanke, und den Meister des Lotus-Qigong, Wei Ling Yi (VR China), dem ich den wahrhaft tiefen Zugang zum Qigong und eine unschätzbare Unterstützung bei meiner 'DAO-Reise' zu verdanken habe.
Auch auf theoretischer Ebene reizte es mich, meine Erfahrungen aus verschiedenen Lebensbereichen noch einmal zu bündeln. Im Magisterstudiengang an der Uni Hamburg beschäftigte ich mich von 1995 bis 2002 im Hauptfach Philosophie u.a. mit ökologischer Ethik, Wissenschaftstheorie und chinesischer Philosophie, besonders mit den theoretischen Grundlagen der westlichen und der asiatischen Medizin, im Nebenfach Psychologie mit mentalen Techniken, Kommunikationspsychologie und dem Lernen im Erwachsenenalter.
Wesentlich aber bleibt für mich: am besten haben wir die Chance, zu Verstehen 'was die Welt im Innersten zusammenhält' (Goethe, Faust I), wenn wir eine lebendige Philosophie, eine Lebenskunst zu Hilfe nehmen - wenn wir lernen, mit allen Sinnen und auf allen Ebenen unseres Seins mitten im Leben zu stehen, oder besser: mit dem Wandel des Lebens zu fließen!
Deshalb sind die chinesischen Bewegungskünste Tai Chi Chuan und Qigong für mich Erfahrungs- und Lernwege, die den Begriff ganzheitlich wirklich verdienen! Sie sind - um nur ein paar Stichworte zu nennen - Achtsamkeitsschulung, Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsfürsorge, Pflege der geistigen und der Herzensenergien, sind Pflege des Lebendigen in mir und des lebendigen Miteinanders mit meinen Mitmenschen und meiner Mitwelt.
Die Ästhetik, die so entsteht und Zuschauer tief faszinieren kann, entfaltet ihre Schönheit 'ungewollt' und erinnert mich an das, was Heinrich von Kleist in seinem Aufsatz über das Marionettentheater formulierte - Harmonie zwischen Himmel und Erde, jenseits der Sehnsüchte des Egos.
Die Basis dieser Arbeit ist für mich Qigong, die Aspekte des Miteinanders lassen sich dagegen besonders gut im Tai Chi erleben. Tai Chi Chuan als innere Kampfkunst: das Verstehen der Konflikte in mir selbst ebenso wie das weite Feld zwischen Ich und Du, zwischen Konfrontation und Harmonie. Ein Raum des miteinander Lernens. Ein Raum des miteinander Lebens.
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